Gott existiert, ich bin ihm begegnet

Lese-Probe

Gott existiert von Andre Fossard

Vorwort von Erzbischof Rino Fisichella

»Gott existiert. Ich bin ihm begegnet« ist ein schönes Buch. Doch es ist zugleich sehr viel mehr als nur ein Buch. Denn es erzählt von einer konkreten Erfahrung, die das Leben eines jungen Menschen völlig verändert hat. Im Alter von 20 Jahren betritt er durch Zufall eine Kirche. Als er sie wieder verlässt, ist er wieder Kind, im Herzen verwandelt und bereit, in sich ein neues Leben zu empfangen, das ihn verändert und von nun an einen neuen Menschen und ein Kind Gottes aus ihm macht. Der »göttliche Hinterhalt«, in den Gott ihn gelockt hat, wird als Lebensweg beschrieben, auf dem alles auf diese völlig unerwartete und doch freiwillige Begegnung hinausläuft. Gott existiert. Ich bin ihm begegnet. Diese einfachen Worte bergen die Kraft der Wandlung in sich. Eine unerwartete Begegnung, weder gesucht noch beabsichtigt. Und dennoch eine Begegnung, auf die wir im Grunde unseres Herzens warten, in dem beständigen Wunsch, der tief empfundenen Sehnsucht nach Gott Ausdruck zu verleihen. Die direkte und einfache Erzählsprache von André Frossard beschwört vor unserem inneren Auge das Bild des Feuers der Nacht von Blaise Pascal herauf. In beiden Fällen findet sich der Primat Gottes, der uns entgegenkommt, um sich finden zu lassen, wenn er es will und wie er es entschieden hat. Eine absolute Freiheit, die nicht danach trachtet, die kleine Freiheit desjenigen zu zerstören, der von ihr überwältigt wird, die diese vielmehr erhöht und empfänglich macht für Gesten, die von Unendlichkeit und Ewigkeit zeugen. Bemerkenswert an diesem Lebensbericht ist auch die Vermittlung des Freundes Willemin. Zur Begegnung mit Gott bedarf es einer Person, die auf ihn hinweist. So war es auch bei unserem Autor.

Freude und Freiheit, die der Glaube ihm eingegeben hatte, sind miteinander vereinbar, weil sie gemeinsam in der Freundschaft gelebt werden. In gleichem Maß erlaubt uns der Glaube, das Evangelium zu verkünden und anderen Menschen Christus nahezubringen. Auf diese Weise wird André selbst zum Christophorus, der Christus zu Schwester und Mutter trägt, die beide ihrerseits zum Glauben finden. Das Leben wird letztlich ein nie endendes Weihnachtsfest, weil es uns ermöglicht, in der Person Christus die Wahrheit zu erkennen. Ebenso wie die Jünger auf Weisung des Johannes die Epoche, die Zeit und jedes Wort schildern werden, das über Jesu Lippen kam und das sie in stillem Andenken bewahrten, beschreibt auch unser Autor seine Bekehrung. Ein Leuchten, ein unvermittelt aus der »zweiten Kerze aufscheinendes Licht. Nicht aus der ersten und nicht aus der dritten Kerze, sondern aus der zweiten«, welche die Monstranz umgibt. Ein unlösbares Rätsel, in dem doch schon die Größe des Geheimnisses durchscheint, das hier Realität wird. Der Beginn einer wahren Wiedergeburt.

In einem Wort: eine Begegnung. Eine Begegnung, in der sichtbar wird, dass die Wahrheit ein Gesicht hat und keine abstrakte Idee oder Theorie ist, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, der uns mit Liebe begegnet. Diese Liebe kann nicht zurückgewiesen werden, denn sie eröffnet unverhofft einen sinnstiftenden Horizont. Die Neuauflage dieser Zeilen von André Frossard im Jahr des Glaubens ist eine geniale Idee und eine gelungene Provokation. Die historische Epoche, in der Frossard diese Zeilen schrieb, unterscheidet sich sehr von der unseren. Der Atheismus jener Jahre ist mit dem Atheismus unserer Zeit nicht vergleichbar. Die Ideologie gewann in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts an Profi l. Interessant wurde sie für viele durch den Versuch, sie mit einer überzeugenden Lehre zu untermauern. Ich selbst hätte allerdings niemals den Atheismus als »überzeugende « Lehre betrachtet. Er erscheint mir wenig plausibel, da er eine Begegnung mit der stets neue Horizonte eröffnenden konstruktiven Wahrheit nicht zulässt. Oder um es mit den Worten Gilbert Keith Chestertons zu sagen: Es gibt viele Wunder auf dieser Welt. Verlernen wir jedoch das Staunen, verliert alles seinen Sinn. Der Atheismus ist das Ende des Staunens. Deshalb kann ihm keine überzeugende Lehre innewohnen, sondern lediglich ein wenig plausibler Gedanke, der sich ausschließlich um sich selbst dreht. Der heutige Atheismus hat ein anderes Gesicht. Er zeigt sich in Hohn und Spott, in Diskriminierung und Verachtung für die Gläubigen. Die Zeiten haben sich geändert. Erkennbar ist dabei ungeachtet aller Unterschiede dennoch eine gemeinsame Linie. Auch der heutige Mensch will sich die Frage nach Gott offenbar nicht mehr stellen. Besonders augenfällig ist, wie nach Wegen gesucht wird, Gott zu leugnen oder ihm gegenüber einfach gleichgültig zu bleiben.

Wir wollen Gott aus unserem Leben ausschließen. Der Umgang mit dieser neuen Herausforderung ist nicht einfach, aber nicht unmöglich. Übrigens hatte schon Sören Kierkegaard hellsichtig vorhergesehen: »Kehrte Christus heute zurück, würden wir ihn nicht mehr ans Kreuz schlagen, sondern der Lächerlichkeit preisgeben. Dies ist das Martyrium unserer Zeit.« Frossard will einen anderen Weg aufzeigen, den Weg der unmittelbaren Gotteserfahrung. Er erzählt von sich selbst. Er bekennt sich in gewinnender Einfachheit. Die Wahrheit tritt in sein Leben in Gestalt eines Lichts, das einen verbindlichen Sinn anbietet. Ich habe dieses Buch auf dem Gymnasium gelesen, zu einer Zeit, als die Jugendproteste in vollem Gange waren. Es nun wieder in Händen zu halten hat mich tief bewegt. Die Erzählung hat nichts von ihrer ursprünglichen Frische eingebüßt, im Gegenteil. Ich bin davon überzeugt, dass jeder, der das Glück hat, dieses Buch zu lesen, darin einen Anstoß finden wird, sich auf seinen Glauben zu besinnen oder einen weiteren Schritt zum Glauben hin zu tun. Rom, im Februar 2013.

Meinen Eltern Wenn aber einige von den Zweigen ausgebrochen wurden und du vom wilden Ölbaum unter sie aufgepropft worden bist und so an der Wurzel und an dem Saft des Ölbaumes Anteil bekommen hast, so brüste dich nicht wider die Zweige. Wenn du dich dennoch brüstest, so bedenke: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich. Du wirst nun sagen: Die Zweige wurden doch ausgebrochen, damit ich aufgepfropft werde. Gut! Sie wurden wegen ihres Unglaubens ausgebrochen, du aber stehst infolge des Glaubens. Denke nicht hochmütig, sondern fürchte! Denn wenn Gott die von Natur gewachsenen Zweige nicht geschont hat, dann gib Acht, ob er (vielleicht) auch dich nicht schonen wird. Paulus, Röm. 11, 17-21.

»Die Bekehrten sind lästig«, sagt Bernanos. Aus diesem und anderen Gründen habe ich lange gezögert, den vorliegenden Bericht zu schreiben. Es ist schwierig, von der eigenen Bekehrung zu sprechen, ohne von sich selbst zu sprechen, und noch schwieriger, von sich zu sprechen, ohne in eine gewisse Selbstgefälligkeit zu verfallen oder in das, was die Alten sehr treffend »Ironie« nannten, eine versteckte Form, das Urteil der anderen in die Irre zu leiten, insofern man sich etwas schlechter macht, als die Wahrheit es fordert. Das hätte keine Bedeutung, wäre nicht das Zeugnis an den Zeugen gebunden, indem eins das andere trägt, sodass die Gefahr besteht, dass beide miteinander verworfen werden. Dennoch bin ich schließlich zu der Überzeugung gelangt, dass selbst ein unwürdiger Zeuge, der zufällig die Wahrheit über den Sachverhalt eines Prozesses weiß, die Verpflichtung hat, sie mitzuteilen. Er hofft dabei, dass sie um ihrer selbst willen das Gehör finden werde, das er auf Grund seines eigenen Wertes nicht erwarten kann. Und nun ist der Fall eingetreten, dass ich – auf ganz seltsame Weise – die Wahrheit über die allerumstrittenste Causa und den ältesten aller Prozesse weiß: Gott existiert. Ich bin ihm begegnet.

Ich bin ihm unvermutet begegnet – durch Zufall würde ich sagen, wenn bei einer Begebenheit solcher Art überhaupt der Zufall im Spiele sein könnte – mit dem Staunen, das etwa ein Mensch empfinden würde, der in Paris bei einer Straßenbiegung statt des bekannten Platzes, der wohlvertrauten Kreuzung ein unendliches Meer vor sich ausgebreitet und Wellen die Häuser umspülen sähe. Es war ein Augenblick der Verblüffung, der noch andauert. Ich habe mich niemals an die Existenz Gottes gewöhnt. Um 17 Uhr 10 Minuten war ich auf der Suche nach einem Freund in eine kleine Kirche des Quartier latin eingetreten und verließ sie um 17 Uhr 15 Minuten im Besitz einer Freundschaft, die nicht von dieser Erde war. Als ein Skeptiker und Atheist der äußersten Linken war ich eingetreten, und größer noch als mein Skeptizismus und mein Atheismus war meine Gleichgültigkeit gewesen: Mich kümmerten andere Dinge als ein Gott, den zu leugnen mir nicht einmal in den Sinn kam, so sehr schien er mir längst nur mehr auf das Konto der menschlichen Angst und Unwissenheit zu gehören – ich ging wenige Minuten später hinaus als ein »katholischer, apostolischer, römischer« Christ, getragen und emporgehoben, immer von neuem ergriffen und fortgerissen von der Woge einer unerschöpflichen Freude. Ich war zwanzig Jahre, als ich eintrat. Als ich hinausging, war ich ein zur Taufe bereites Kind, das mit weit aufgerissenen Augen die Welt betrachtet, den bewohnten Himmel, die Stadt, die nicht ahnte, dass sie ihre Fundamente in die Luft gebaut hatte, die Menschen im prallen Sonnenlicht, die in der Dunkelheit zu gehen schienen, ohne den ungeheuern Riss zu sehen, der soeben den Vorhang dieser Welt geteilt hatte.

Meine Gefühle, meine innere Welt, meine Gedankengebäude, in denen ich mich schon häuslich eingerichtet hatte, waren nicht mehr da, selbst meine Gewohnheiten waren verschwunden, mein Geschmack verwandelt. Ich verhehle mir nicht, dass eine Bekehrung dieser Art durch ihre Unvermitteltheit etwas Schockierendes, ja Unglaubwürdiges für unsere Zeitgenossen an sich hat, die die Wege des Intellekts den mystischen Blitzen vorziehen und immer weniger das Eingreifen des Göttlichen in das tägliche Leben gelten lassen. Aber sosehr ich mich auch mit dem Geist meiner Zeit in Einklang zu setzen wünschte, so kann ich doch nicht die Stationen einer langsamen Entwicklung zeigen dort, wo ein jäher Umschwung stattgefunden hat, ich kann nicht die, sei es unmittelbaren, sei es weiter zurückliegenden, psychologischen Ursachen dieses Umschwungs nennen, weil diese Ursachen nicht vorhanden sind.

Es ist mir unmöglich, den Weg zu beschreiben, der mich zum Glauben geführt hat, weil ich mich auf einem ganz anderen Weg befand und an etwas ganz anderes dachte, als ich in eine Art Hinterhalt geriet. Dieses Buch erzählt nicht, wie ich zum katholischen Glauben kam, sondern, wie ich nicht dorthin ging und mich plötzlich dort befand. Es ist nicht die Darstellung einer geistigen Evolution, sondern die Mitteilung von einem unvermutet eingetretenen Ereignis, so etwas wie die Zeugenaussage über einen Unfall. Wenn ich es für nötig halte, länger von meiner Kindheit zu sprechen, so wahrlich nicht, um mich mit meinem »Vorleben« interessant zu machen, sondern um eindeutig klarzustellen, dass nichts mich auf das, was mir geschehen ist, vorbereitet hat: Auch die göttliche Liebe handelt frei. Und wenn ich nicht umhinkann, oft in der ersten Person zu sprechen, so deshalb, weil es für mich klar ist – ich wünschte, es gelänge mir, meine Leser ebenso davon zu überzeugen -, dass ich nicht die geringste Rolle bei meiner eigenen Bekehrung gespielt habe. Aber es genügt nicht, das zu sagen, man muss es auch beweisen. Hier sind die Fakten.
Das Heimatdorf meines Vaters war das einzige Dorf in Frankreich, in dem es eine Synagoge, aber keine Kirche gab. Es liegt hinter Belfort in einer nebligen, flachen Wiesenlandschaft, einer jener Gegenden des östlichen Frankreich, in der die Sonne erst spät die Herrschaft antritt und bleiche, verwitterte Erinnerungszeichen an kriegerische Einfälle gemahnen. Die Häuser haben ihre Ziegelmützen nach elsässischer Art bis auf die Augen gezogen und drücken sich an die Böschungen, um dem Wind standzuhalten. Da und dort ein paar halbrunde graue Steine, in die lehmige Erde der Felder hineingedrückt – es sind die Überreste der ehemaligen deutschen Grenze -, oder ein Soldatengrab; hier das eines österreichischen Offiziers, der Helm an den Granit gelötet, dort Pégoud, der Flieger: Die stählerne Libelle liegt am Eingang des Gehölzes, zerschmettert nach kurzer Ruhmesbahn, der Flamme gleich, die ihr ein Ende setzte. Foussemagne – 400 Einwohner, am Horizont die schwarzen Hellebarden einer Tannengruppe, eine Lehmgrube und eine Ziegelei, deren ungleiche Kamine, sommerlicher Rendezvous-Platz der Störche, zwei rote Striche auf einem blassen Brueghelbild ziehen …

Angelockt durch die liberale Gesinnung der damaligen Grundherren, der Grafen von Reinach-Foussemagne, hatte sich zu Ende des Mittelalters eine nicht unbeträchtliche jüdische Kolonie inmitten des Dorfes angesiedelt. Daher stammt die nicht weit vom Rathaus gelegene Synagoge. Das mächtige Bauwerk undefinierbaren Stils, aus rosafarbigem Sandstein erbaut, war, um die Wahrheit zu sagen, abgesehen von den großen Festen, nicht gerade sehr besucht. In den rundbogenförmigen Fenstern, deren Verglasung eher an ein bürgerliches Treppenhaus erinnerte, konnte man mitunter die zerrupfte Silhouette des Rabbis auftauchen sehen; es war ein scheuer, bescheidener Mann mit einer Jammerstimme, der erst spät ein noch ältlicheres Fräulein geheiratet hatte, beide demütige Diener des Amts, deren Armut ihre Glaubensgenossen zu dem mitleidig-zärtlichen Scherz veranlasste: »Rabbiner, das ist kein Beruf für einen Juden.« Lebten unsere Juden nach ihrem Glauben?

Ihre Religion schien mehr aus der Beobachtung juristischer und moralgesetzlicher Vorschriften als aus frommen Andachtsübungen zu bestehen. Sie hatten die Sabbatruhe und die Vorschriften des Moses über das Fasten und die Zubereitung des Fleisches einzuhalten und taten dies auch. Sie feierten getreulich Ostern, jenes geheimnisvolle Fest, zu dessen Zeremoniell wundersam weiße, mit kleinen, von der Ofenhitze leicht gebräunten Bläschen besäte Fladen ungesäuerten Brotes gehörten. Einmal im Jahr kamen sie mit Lammfellen um die Schultern in die Synagoge, um sich durch eine im Gebet verbrachte Nacht auf das Fasten des Jom Kippur vorzubereiten. An diesem Tag fand sich nicht selten so ein Ausgehungerter bei uns ein, dem wir belustigt zusahen, wie er ein paar Rosinen oder Zuckerstückchen wie in Gedanken grapschte, während er mit ungewohnter Lebhaftigkeit über den Regen und das schöne Wetter plauderte. Waren sie gläubig? Zweifellos. Für einen Juden ist es ein und dasselbe, Jude zu sein und zu glauben, und er könnte seinen Gott nicht leugnen, ohne sich selbst zu leugnen. Aber bei uns, die wir Sozialisten vom rötesten Rot waren, sprachen sie nie ein Wort über Religion. Die zwei Gemeinden lebten ohne Streit und ohne einander im Wege zu sein, jede für sich, und ich verbrachte als Kind einen großen Teil meiner Ferien in diesem seltsamen Dorf, ohne zu wissen, dass es eine »Judenfrage« gebe, wie manche behaupteten. Die Christen hatten ihre Feste, die sie in den Nachbardörfern feierten, wo es Kirchen gab, und die Juden hatten ihre, deren Daten nicht mit den christlichen zusammenfielen. Die Christen ruhten am Sonntag, die Juden am Samstag, was seine Vorteile für alle hatte, denn es ergab sich daraus schon damals so etwas wie ein »Weekend«. Die Christen hatten ihre Friedhöfe, und die Juden hatten, bei Belfort, den ihren. Meine Großmutter ist dort begraben. Die Geister schieden sich nicht nach der Religion, sondern nach der Politik. Es gab die »Schwarzen«, die von den »Roten« als die nicht mehr lebensberechtigten Überbleibsel einer abgelaufenen Epoche betrachtet wurden. Schwarz wie die ländliche Hochzeitstracht und die Begräbniskleidung, schwarz wie die Soutanen ihrer Priester, schwarz wie die Nacht der Zeiten, der es nicht gelungen war, sie zu verschlingen, stimmten sie »rechts« für die »Reichen«, obwohl sie zum größten Teil genauso arm waren wie wir.

Sie respektierten die Ordnung und dachten gar nicht daran, sie zu ändern, auch nicht zum Besseren, zufrieden damit, zu gehorchen und zu verehren – wenigstens hatten wir diesen Eindruck. Der erste »Rote« war mein Großvater gewesen, seines Zeichens Sattler; er nannte sich selbst einen »radikalen Republikaner«. Eindeutiger konnte man sich nicht als Revolutionär bekennen in dieser Zeit und an diesem Ort, wohin der Sozialismus noch nicht gedrungen war. Abends trafen sich Arbeiter der Ziegelei und republikanisch gesinnte Bauern in seiner Werkstatt und redeten über Politik, während er unter der Lampe fortfuhr, Leder zu schneiden und zu nähen. Von Politik reden hieß von Elend reden. Der Arbeiter verdiente 5 bis 10 Sou im Tag und wurde noch vom Bauern beneidet, den das Stückchen kargen Bodens, das er besaß, kaum ernähren konnte. Kein Sozialgesetz schützte den einen, den auch eine Arbeitszeit von zehn bis zwölf Stunden pro Tag nicht aus dem Zustand der Armut zu befreien vermochte; der andere war von der Laune der Jahreszeiten abhängig und hatte von niemandem und von nirgendwo Hilfe zu erwarten. Das war die »Belle Époque«. Der Grundherr war nicht mehr der Graf von Reinach-Foussemagne, dessen Besitz seit langem parzelliert und verkauft war, sondern der Eigentümer der Ziegelei, der neben seiner Fabrik ein großes Haus bewohnte, einen hässlichen Backsteinbau; uns Dorfkindern schien er freilich so prächtig und imposant wie Versailles. Wir stellten uns den Palast vor voll von riesigem Spielzeug, von Lachen und Licht: Es war unmöglich, darin nicht glücklich zu sein. Aber so keck wir auch sonst waren, wir wagten uns nicht allzu nahe an das Haus heran und waren immer schnell an seinem mit scharfen Spitzen bewehrten Gartengitter vorbei.

Vielleicht war es das Haus des Glücks, vielleicht aber auch die Behausung des menschenfressenden Riesen, der dem kleinen Däumling von der Linken gefährlich werden konnte, und ich fürchtete immer beim Vorüberhuschen, die bekannte Einladung der Großen zu hören, die sich liebenswürdig geben wollen: »Komm doch herein, es wird dich niemand fressen!« Ich habe meinen Großvater nicht gekannt. Seit seinem Tode regierte meine Großmutter in unserem bescheidenen Haus aus Backsteinen mit der unwidersprochenen Autorität einer Frau mit Kopf, die ihn nur ein einziges Mal verloren hatte, als sie, die Tochter aus wohlhabendem jüdischem Hause, sich als junges Mädchen in die blauen Augen eines einfachen Arbeiters aus ihrem Heimatort, nämlich die meines Großvaters, verliebte. Diese Verbindung einer jüdischen Erbtochter – so klein das Erbe auch war – mit einem aus katholischer Familie stammenden Proletarier – so weit auch sein Katholizismus zurücklag – hatte bei Juden und Christen, deren gutes Einvernehmen sich nicht bis zum Heiraten verstieg, große Verwunderung erregt.

Nichts erinnerte an diese Liebesgeschichte auf dem strengen Antlitz der Frau, die, immer in Schwarz gekleidet, unser Hauswesen führte und ihre Zärtlichkeit nur auf dem Umweg der Ironie zum Ausdruck brachte. Diese Neigung zum Spott, einem bald freundlichen, bald ärgerlichen, bald strafenden Spott, die im Übrigen in der Familie, ja vielleicht sogar in der Gegend zu Hause war, verbreitete um uns eine Art von Kühlhausatmosphäre, in der unsere zärtlichen Gefühle, im Eise gefangen, nicht zueinander gelangen konnten. Wir waren eine Familie, die eng zusammenhielt, aber in der Frühe wagten wir kaum, einander Guten Morgen zu sagen. Derjenige, der als Erster aufgestanden war, tat, um den später Kommenden nicht zu demütigen, so, als bemerke er sein Eintreffen nicht, sodass wir uns meistens wortlos den Morgenkuss gaben, wie zufällig oder wie man in der Türe zusammenstößt. Ich sah meinem Onkel zu, der in seiner köstlich nach neuem Leder duftenden Werkstatt über seine Arbeitsbank gebeugt saß, oder meiner Tante, die in der Küche ihren Teig knetete, und da wir einander nicht sagen konnten, dass wir einander lieb hatten, was sich von selbst verstand, so redeten wir gar nicht, und weil wir nichts redeten, hatten wir immer weniger zu sagen; wir schwiegen geheimnisvoll, ohne Geheimnisse zu haben. Nach dem Abendessen pflegten im Winter ein paar Nachbarn zu kommen, um ein wenig zu politisieren oder ein neues Kartenspiel zu spielen, dessen Aufkommen neben der Einführung des elektrischen Lichts in den ländlichen Gemeinden eines der großen Ereignisse der Nachkriegszeit war; ich meine die »Belote«, ein demokratisches Spiel, in dem der Bube das königliche Paar aussticht, das in der Reihenfolge der Trumpfkarten ganz nach hinten verwiesen ist. In der Belote kommen sogar das As und die Manille* nach dem Buben, dessen Beförderung zum Trumpf ein erster, indirekter, aber bedeutungsvoller Eingriff in die bestehende soziale Ordnung war. Gespielt wurde mit abgegriffenen Karten, die, wenn das Spiel eine Weile gedauert hatte, nach feuchtem Karton rochen. Der Metzger, ein schöner Mann mit hochgezwirbeltem Schnurrbart, schmetterte seine Trumpfkarten auf den Tisch, dass er zitterte wie unter der gepanzerten Faust eines Kreuzritters. Der Viehhändler stützte einen imposanten Bauch gegen die Rückenlehne seines Stuhls, auf dem er rittlings saß, und spuckte den Saft seines Kautabaks, den er ständig im Munde hatte, in ein mit Sägespänen gefülltes Kistchen, das man vorsichtigerweise mit dem Fuß neben ihn hinschob.

Seine Weste und der vergoldete Karabinerhaken seiner Uhrkette ließen die Vermutung aufkommen, dass er reich sei, aber reich war man in unserem Dorf, sobald man unter der Woche eine Krawatte trug, ohne Beamter zu sein. Zwischen jedem Geben analysierte und korrigierte, kritisierte und belehrte er, denn er gehörte zu jenen Spielern, die das Spiel ihres Partners genauer kontrollieren als das eigene. Während er so mit Wichtigkeit seine Kommentare abgab, von denen niemand Notiz nahm, rollte mein Onkel eine Zigarette aus graugrünem Tabak, ließ den Rand des Papiers * Im L’hombre die zweithöchste Trumpfkarte unter seinem Arbeiterschnurrbart hingleiten, steckte das fertige Produkt hinter sein rechtes Ohr wie ein Kanzlist seinen Bleistift und brachte ihn zum Schweigen, indem er die Karten neu austeilte. Unter ihrem wellenförmig gekrausten Porzellanschirm beleuchtete die vierzigkerzige Glühbirne kalt und nüchtern die Spieler, die Werkbank, die Lederstücke, das Gewirr des Riemenzeugs, das leere Oval der Kummete, alle die vertrauten Menschen und Gegenstände, denen die Elektrizität jenes gewisse Etwas an zusätzlichem gemütvollem Leben genommen hatte, das ihnen einst die Petroleumlampe verlieh wie ihren Schatten. Die Kinder (ich hatte zwei Vettern meines Alters) wohnten der Kartenpartie mit ungleichem Interesse bei. Der Jüngste, hübsch wie ein Mädchen, verschwand bald in die Küche. Den Ältesten hielt es etwas länger, aber schließlich stiegen wir alle in unser spartanisches Schlafgemach hinauf, wo nicht selten kleine Eisstückchen in der Waschschüssel schwammen. Ich schlüpfte blitzschnell ins Bett, zwischen die von der Kälte steifen Leintücher.

Da lag ich nun unter dem luftigen Druck des wie ein riesiger Pfannkuchen aufgeblähten Federbetts, das mir fast den ganzen Raum und die Hälfte der Zimmerdecke verbarg. Wenn ich allein war, fühlte ich mich nur in völliger Dunkelheit wirklich sicher: Da sah ich zwar nichts, aber man konnte auch mich nicht sehen. In solchen Augenblicken, wenn alles Licht verlöscht war, geschah es dann und wann, dass mich das geheimnisvolle All jenseits des schwarzen Fensters in seinen Bann zog. Das war keineswegs der Beginn eines Albtraums, sondern eines Abenteuers. Ich benutzte die nächtliche Wiederkehr der Unendlichkeit, um den aufgelösten Umrissen der Dinge zu entfliehen, und schweifte mit hellwachen Sinnen irgendwo zwischen Erde und Mond umher, um einem Geheimnis auf die Spur zu kommen oder vielleicht ein Zwiegespräch zwischen einem Grashalm und einem einsam flimmernden Stern zu belauschen. Ich zweifelte nicht daran, dass alle diese wundersam geordneten Welten, deren stilles Einverständnis ich ahnte, doch einmal ein Wort zu viel sagen und mir damit den Schlüssel zu dem Rätsel in die Hände geben würden. Ich ging in der Stille einer Wahrheit entgegen, die auf mich zukam, und im Augenblick, da ich sie zu erraten im Begriffe stand, löschte der Schlaf urplötzlich die Tafel, auf die die Nacht ihre Zeichen schrieb.

Der Winter war für uns reizvoller als der Sommer. Auf den Feldern ruhte die Arbeit, die Dunkelheit und die Kälte versammelten uns zu früher Stunde um das Feuer und verlieh dem von Schnee eingehüllten Haus eine heimelige Atmosphäre, die sich zusammensetzte aus dem Geruch von nassem Holz und guter Suppe und vagen Träumereien rings um den Kachelofen, an den wir unsere steifen Hände legten. Es war auch die Zeit der am schnellsten aufeinanderfolgenden und seltsamsten Feste des Jahres. Da kam zuerst der heilige Nikolaus, der oben im Dorf an der ehemaligen Grenze Santa Klaus genannt wurde und alljährlich als Vollstrecker der väterlichen Gerechtigkeit wiederkehrte, damit betraut, die Guten zu belohnen und die Bösen zu bestrafen (es gab aber keine Bösen); man kannte ihn von Kalendern und Postkarten, wo sein beschneites bischöfliches Gewand bei Berührung ein paar Silberflitterchen an den Fingerspitzen zurückließ. Am Vorabend von Weihnachten gingen die »Schwarzen « lange vor Einbruch der Dunkelheit zu ihrem »Zauberfest « – so sagten wir, ohne es im Übrigen bös zu meinen – und schienen fröhlich zu sein. Wir verstanden ihre Feiern genauso wenig, wie wir, trotz unserer Verwandtschaft, die Feiern der Juden verstanden.

Uns schien es, dass die einen wie die anderen viel Zeit mit grundlosem Singen verbrachten. Am nächsten Morgen breiteten die fernen Glocken der benachbarten Dörfer, die bei uns kein Echo fanden, einen Schleier von Feierlichkeit über die erstarrte Landschaft. Auch wir zogen unsere Sonntagskleider an, aber gingen nirgends hin. Mein Onkel schenkte uns ein paar Erzeugnisse seiner Werkstatt, hübsche Peitschen aus weißen Lederschnüren, Gürtel, Schulranzen aus grünem, mit Leder verstärktem Segelleinen, die man auf dem Rücken trug; wenn wir damit zur Schule liefen, sahen wir aus wie kleine Infanteristen bei der Verfolgung des fliehenden Wissens. Meine Tante, eine robuste Elsässerin mit einer Neigung zu freundlichem Spott, schob Kuchen um Kuchen in das Backrohr ihres Herdes, in dem ein Höllenfeuer entfacht war. Wir aßen in dem am wenigsten engen unserer kleinen Räume, der die meiste Zeit über verschlossen war, auf dem weißen Tischtuch der Festtage. Aber weder der elsässische Muskateller noch das Bier noch der Himbeergeist machte die Familie gesprächiger. Der reichlicher als sonst bestellte Tisch und die über und über mit Silberketten behängte Fichte sprachen uns von nichts. Es war ein Weihnachten ohne religiöses Gedenken, ein Weihnachten, das niemandes Fest war.

Gott existierte nicht. Sein Bild oder besser die Bilder, die von seiner Existenz erzählen oder der Existenz derer, die man seine Nachkommenschaft in der Geschichte nennen könnte – die Heiligen, die Propheten, die biblischen Helden, sie waren in unserem Hause nirgends zu finden. Niemand sprach zu uns Kindern von ihm. Die Juden sagten uns samt und sonders nichts von ihrem Glauben. Die Juden machen keine Propaganda dafür, ihre Religion ist eine Familienangelegenheit, die die Fremden nichts angeht, selbst wenn sie halbe Juden sind. Andererseits machte uns unsere religiöse Indifferenz tolerant und bildete für sie eine gewisse Garantie: Da wir aus Atheismus links standen, gaben sie ihre Stimmen der Linken, um in Ruhe fromm sein zu können, wofern sie es waren. Sie teilten unsere Überzeugungen, um besser bei den Ihren bleiben zu können; sie lebten das geheimnisvolle Leben ihrer seit 2000 Jahren zerstreuten und dennoch homogenen, als Sauerteig unter alle Völker verteilten Gemeinschaft, immer die Gleichen und dabei doch besonders geschickt dazu, sich zu wandeln, glaubenstreu bis in den Unglauben (denn manche, die sich ungläubig nannten, hielten fester als die anderen an den alten Sitten und Bräuchen und den Verheißungen der Heiligen Schrift fest), fähig, jeden Schicksalsschlag und, was noch seltener ist, jeden Erfolg zu ertragen, fähig endlich, alles zu verstehen, ausgenommen, was ein Jude ist; aber wer könnte das auch sagen? Was die Christen des Dorfs anlangt, die uns hätten belehren können, so schwiegen diese ebenfalls, wahrscheinlich aus Zurückhaltung, vielleicht auch, um sich nicht unseren sarkastischen Bemerkungen auszusetzen. Der Effekt ihrer Frömmigkeit war für das freie Auge nicht sichtbar, und außer der Tatsache, dass sie an den von Glockengeläute (in nebliger Ferne) begleiteten Festen mehr Backwerk und Kuchen aßen als sonst, hatten wir keine Ahnung, was sie ihnen einbringen konnte. Ihre gängige Moral war ungefähr die gleiche wie unsere, mit einer oder der anderen Spezialtugend dazu, wie dem Gehorsam und der Demut, die wir für schwere Mängel hielten, und dem Unterschied, dass sie in Erwartung eines Lohns oder in der Furcht vor künftiger Strafe zu handeln schienen, eine Krämergesinnung, die uns wenig Respekt einflößte. Sie wussten eben nicht, was wir seit J.-J. Rousseau wussten, dass die Erbsünde durch Beschluss der Philosophen abgeschafft und der Mensch von Natur aus gut sei. Sie schienen ihn eher für von Natur aus böse zu halten.

Die Christen jener Zeit hatten noch nicht die Natur entdeckt, sie ahnten noch wenig von den Verheißungen der Wissenschaft und der wohltätigen Kraft der Freiheit. Sie bewegten sich vorsichtig zwischen Verboten, wagten nicht, den Dingen auf den Grund zu gehen, gingen am Geschaffenen vorbei. Sie machten uns den Eindruck, als hätten sie Angst, zu leben, Angst, etwas falsch zu machen. Blieb also die Natur, die uns unter ihrem Synonym der Schöpfung den Gedanken an einen Schöpfer hätte eingeben können. Aber mit ihrem Gesetz vom Fressen und Gefressenwerden, das den kleinen Fisch in den Rachen des großen und die Antilope dem Löwen in die Tatzen treibt, lebt die Natur offensichtlich nicht nach dem Evangelium; obendrein kam sie uns schon durch das Misstrauen nahe, das die Katholiken ihr entgegenbrachten. Die Natur hatte keinen Glauben, somit war sie unsere Bundesgenossin gegen die Gläubigen. Hatten diese ihre »Offenbarung « (was ich erst viel später erfahren sollte), so war die Natur mit ihrem ungeheuern Feld wissenschaftlicher Forschungen und Triumphe für uns Objekt der Erkenntnis.

Als ein Teil von ihr, denselben Zufälligkeiten, derselben Veränderlichkeit unterworfen, gedachten wir, sie mit uns durch die Wissenschaft und den Fortschritt zu retten, die eines Tages ihre Exzesse bändigen und ihre Gesetze vermenschlichen würden. Hätte es unseres Wissens einen Gott gegeben, so hätte sie uns erst recht von ihm entfernt, je mehr wir uns ihr näherten. Aber wie gesagt, es gab keinen Gott. Der Himmel war leer, die Erde eine Kombination chemischer Elemente, die sich in der Natur durch das Spiel von Anziehung und Abstoßung zu fantastischen Formen zusammenschlossen. Bald würde sie uns ihre letzten Geheimnisse preisgeben, unter denen Gott nicht vorhanden war. Wir waren perfekte Atheisten, von der Sorte derer, für die der Atheismus kein Problem mehr ist. Die letzten militanten Antiklerikalen, die in den öffentlichen Versammlungen noch Tiraden gegen die Religion hielten, kamen uns rührend und ein wenig lächerlich vor, wie es etwa Historiker wären, die sich mit Scharfsinn bemühen würden, das Märchen vom Rotkäppchen zu widerlegen. Ihr Eifer verlängerte nur sinnloserweise eine Auseinandersetzung, die von der Vernunft längst abgeschlossen war. Denn der vollkommene Atheist war schon nicht mehr derjenige, der die Existenz Gottes leugnete, sondern der, für den sich das Problem der Existenz Gottes gar nicht mehr stellte.

Neben dem alljährlichen Sommerfest, bei dem sich auf dem kotigen Gras der Gemeindewiese die für eine Volksbelustigung erforderlichen Requisiten sammelten, wie Tanzbodenbretter, Girlanden, Jahrmarktstände und Schießbuden (diese insgesamt drei an der Zahl) sowie ein Tanzorchester, bildete die Politik die große Zerstreuung des Dorfs. Die Wahlschlachten brachten Bewegung in die Gegend und Leben in die Häuser der Linken (in den Häusern der Rechten galt die Politik als eine Art Laster, das wohl in Ausnahmefällen von der staatlichen Autorität geduldet war, von dem aber vor den Kindern zu reden höchst unpassend gewesen wäre). Die Männer verschwanden am Sonntag und kamen spätabends aus den Nachbardörfern heim, ermattet, aber mit großen Worten im Munde; ausnahmsweise einmal vom Schwung der Begeisterung ergriffen, sparten sie nicht mit ausführlichen Schilderungen der Niederlagen, die sie der gegnerischen Partei bereitet hätten. Die Kandidaten der Rechten stellten sich im Festsaal des Gemeindehauses vor (wo niemals Feste gefeiert wurden, ausgenommen die, die sie uns unfreiwillig bereiteten).

Die gesamte Linke machte es sich zur Pflicht, sie am Reden zu hindern. Mein Onkel und sein Nachbar, der Schmied, legten eine gewisse Koketterie hinein, sich bei den Versammlungen in ihren Arbeitsschürzen aus grobem Leinen oder Leder einzufinden, um den Eindringlingen zu verstehen zu geben, dass die harten Lebensbedingungen des Arbeiters ihnen nicht gestatteten, sich umzukleiden, dass man sich sozusagen zwischen zwei Hammerschlägen auf Kosten der Mittagspause hierher begeben habe, nicht um Reden anzuhören, sondern um den Angriff der Reaktion abzuwehren, was mitunter auch in unsanfter Weise geschah. Der bemerkenswerteste Kandidat, den ich in diesem ungastlichen Lokal der Opposition gegenübergestellt sah, hieß Tardieu; er war eine wichtige Persönlichkeit der Dritten Republik und ein ausgezeichneter Redner – wofern man ihn reden ließ. Mit dem Rücken an einen Pfeiler gelehnt, eingekreist von einer schreienden Linken, die seine Parteigänger in eine Ecke des Saals gedrängt hatte und ihn mit sehr weltlichen Verwünschungen überschüttete, hatte er dem Sturm tapfer standgehalten, stumm, weil er keine Möglichkeit hatte, zu reden, lächelnd, weil er der Situation mit trotziger Herausforderung zu begegnen entschlossen war, und die ganze Zeit über nachlässig mit einer endlos langen Zigarettenspitze spielend, sodass er aussah wie ein ironischer heiliger Sebastian, der in aller Ruhe seine Pfeile raucht. Nach einer halben Stunde war er unter dem Hohngelächter des Saales erhobenen Hauptes und befriedigt wieder gegangen: Wenn er auch kein Wort hatte sprechen können, so hatte er ihnen doch seine Gegenwart aufgenötigt, und ein Kandidat der Rechten konnte in Foussemagne nicht mehr erwarten.

Die Kandidaten der Linken gingen selten ins Gemeindehaus. Sie zogen das Kaffeehaus mit seinem lärmenden Gewühl und seinen dicken Rauchschwaden vor – Symbolen der harten Industriearbeit und der ungreifbaren Zukunft des Denkens. Die Rechte versuchte nicht, sie am Reden zu hindern; sie befand sich bereits in der Defensive. Das Morgen gehörte ihr nicht mehr. Sie repräsentierte die Tradition, den Kult der Vorfahren, die Vergangenheit, alles Domänen, die die Linke ihr kampflos überlassen hatte, um ihr dann mit großer Lautstärke zu verbieten, je wieder aus diesen Grenzen herauszutreten. Nach den Wahlen, bei denen die Linke meistens verlor, nahmen die Tage wieder ihren gewohnten Verlauf, bestimmt von den in der Gegend verwurzelten Tugenden, deren bemerkenswerteste die Treue war. Die Menschen unserer östlichen Grenzgebiete sind treu, wie man braun oder blond ist. Zunächst und vor allem ihrem Land; sie finden an ihm alle möglichen Reize, die für den Durchreisenden unsichtbar sind; der zieht es vor, die zugige Atmosphäre dieser berüchtigten Einfallspforte möglichst schnell hinter sich zu lassen. Von wem stammt das Wort: Die Liebe ist blind? Sie allein hat ein scharfes Auge; sie entdeckt Schönheiten, wo andere nichts sehen. Der liebende Blick ist immer ein Blick des Staunens. Nicht anders ist es mit dem Belforter und seinem Land. Ein paar Büsche, die sich über einen vom Sturm bewegten Flusslauf neigen – und er kostet alle Freuden der Natur und könnte beinahe die gewohnte Selbstbeherrschung verlieren, mit der er sonst seine Gefühle im Zaum hält.

© der Übersetzung: Verlag Herder GmbH Umschlaggestaltung: Waldmann & Weinold, Kommunikationsdesign, Augsburg

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