JONNY K. IST TOT. DIE HERKUNFT DER TÄTER ZU VERSCHWEIGEN IST DUMM

JONNY K. IST TOT. DIE HERKUNFT DER TÄTER ZU VERSCHWEIGEN IST DUMM

Antirassismus auf Knigge-Niveau

Jonny K ist tot. Der 20-jährige Deutschthai wurde von einer Gruppe junger Männer totgeprügelt, am Alexanderplatz, mitten in Berlin. Die Täter hätten „südländisches Aussehen“, bemerken einige Zeitungen unter Berufung auf die Polizei beiläufig. Andernorts, so auch in der taz, fehlt dieser Hinweis. Die Staatsanwaltschaft sagt inzwischen, sie habe „Hinweise auf eine vermutlich türkische Herkunft der Täter“. Aber ist es rassistisch, diesen Umstand zu erwähnen?

In den Richtlinien des Presserates heißt es: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.“ Doch was einst eine vernünftige Reaktion darauf war, dass deutsche Lokalzeitungen über keinen Ladendiebstahl berichten konnten, ohne auf die Herkunft der Täter zu verweisen, hat sich zu einem Verschleierungsinstrument verselbstständigt; zu einem Antirassismus auf Knigge-Niveau, der die Glaubwürdigkeit von Medien erschüttert, aber jede Erkenntnis verhindert.

Wenn, wie vor drei Jahren in Berlin-Friedrichshain geschehen, Brandenburger Neonazis einen linken Studenten brutal misshandeln, ist der „Sachbezug“ offensichtlich. Das darf, das muss man schreiben, ganz gleich ob irgendwelche Ostdeutschen sich dadurch diskriminiert fühlen. Das Gleiche gilt auch für Taten, die die Polizei „Rohheitsdelikte von Jugendgruppengewalt“ nennt. 1.049 solcher Delikte hat die Berliner Polizei im vorigen Jahr registriert. 32 Prozent der Tatverdächtigen waren ausländische Staatsbürger (ohne Illegale), weitere 41,5 Prozent deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund. Macht zusammen 73,5 Prozent. Einen noch größeren Wert vermerkt die Statistik nur für die Geschlechtszugehörigkeit der Verdächtigen: 82,8 Prozent Männer. Wer aus Furcht vor Pauschalisierungen die Mustafas und Alis nicht beim Namen nennt, kann ebenso die Geschlechtszugehörigkeit verschweigen. Die Opfer waren Menschen, die Täter auch.

„Solche Taten haben gesellschaftliche Ursachen“, wird einer rufen. Doch ist dieser Befund derart allgemeingültig, dass er keine Aussagekraft besitzt. Man muss also genau fragen, welche Ursachen eine Rolle spielen. Vielleicht erfolgte die einzige Erziehung, die die Mordbuben vom Alex genossen, mit der Gürtelschnalle; vielleicht sahen ihre Eltern auch verzweifelt zu, wie ihre Söhne auf die schiefe Bahn gerieten. Vielleicht spielt der Islam eine Rolle, vielleicht ist es eine Jugend ohne Gott. Vielleicht hatten diese Typen schon in der Schule keine Chance, vielleicht fühlen sie sich ausgegrenzt. Vielleicht sind sie arbeitslos oder bloß gelangweilt. Vielleicht haben sie auch einfach zu kleine Schwänze.

Auf jeden Fall haben sie gehörig einen an der Waffel und ist nichts von alledem eine Entschuldigung dafür, ohne jeden Grund und bar jeden Mitgefühls einen bereits am Boden liegenden Menschen totzutreten.

Besser: Man sagt, wie es ist.

BESSER

DENIZ YÜCEL

 

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=tz&dig=2012%2F10%2F23%2Fa0138&cHash=7d0e83a187b185e034a9b27890a4815d

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